Mindmap

Ganz gleich ob Nimbus, Stratus, Cirrus oder Cumulus: Sich endlos wandelnd und kaum fassbar, haben die kosmischen, nebelhaften Gebilde aus Wasser, Luft und Licht von jeher fasziniert. Wolkenformationen als Zufallserscheinungen, als Mittler zwischen Erde und Unendlichkeit, regen die Phantasie an. Von der Antike bis heute inspirieren sie Philosophen, Schriftsteller, Naturwissenschaftler und Künstler.

Die Erklärungen für die Faszination reichen in mythische Tiefe:

Schöpfung; der ewige Kreislauf von Werden und Vergehen; die Demut in Gegenwart des Erhabenen. Memento mori: Sieh, wie vergänglich auch Du bist!

Und das besonders Beunruhigende: in all die Tiefen des Himmels ist der Mensch noch immer nicht vorgedrungen, da wo die Welt dunkel und kalt ist und das All überall. Wolken mutieren ebenso rasch zu poetischen Metaphern wie sie zu Zeichen von Gefahr und Bedrohung werden. Dunkle Wolkenmassen verkünden Unheil, rauben uns den Atem in ihrem Rauch, ihrer Asche, ihren Abgasen.

Manche leben in ihrem Wolkenkuckucksheim, scheren sich nicht drum. Im arabischen Raum, da wo die Sonne immer scheint, sagt man über jemanden, der Glück hat: Sein Himmel sei immer voller Wolken.

Bertholt Brecht hat einer namenlosen Wolke eines seiner schönsten Liebesgedichte gewidmet.

Erinnerung an Marie A.
… Und über uns im schönen Sommerhimmel
War eine Wolke, die ich lange sah.
Sie war sehr weiß und ungeheuer oben
Und als ich aufsah war sie nimmer da. …

Ätherisch leicht oder düster dräuend, begleitet von einem Konvolut der absurdesten Assoziationen das Faszinosum Wolke hat Künstler nicht erst seit der Romantik interessiert. Die Beispiele sind ohne Zahl. Es ist der Reiz des einmaligen, des unwiederholbaren Augenblicks. Auch dass die Wolken dem Heil, der Seligkeit, der göttlichen Vollkommenheit verbunden waren, ist uns als christliche Bildvorstellung (nicht erst seit den Himmelsdecken des Barock) geläufig.

Auch das Video ‚Mindmap‘ von Michael Krupp erzählt von der Wolke als Ornament, als bedrohliche Chimäre, von der »Erfindung der Wolke« hin zu künstlich erzeugten Wolkengebilden, erzählt von Metamorphosen, Metaphern und von ihrer »unheimlichen Schönheit«; sogar Klangwolken sind zu hören.

Die Welt jenseits der Erde und diesseits des Himmels, ihre Grau- und Randzonen und Zwischenreiche haben also schon immer eine besondere Faszination auf Künstler ausgeübt.

Es waren so unterschiedliche Künstler wie Caspar David Friedrich, John Constable, William Turner, Claude Monet, Paul Cézanne, Gustav Klimt, Emil Nolde, René Magritte, Gerhard Richter oder Andy Warhol, die sich intensiv dem Himmelsphänomen widmeten. Man denke nur an die Wolkenstudien John Constables, an die seltsame Wolkentapete von René Magritte, die „Silver Clouds“ von Warhol, an die Unschärfe in den zahlreichen Wolkenstudien Gerhard Richters.

Die Videoprojektion von Michael Krupp macht sich die Fähigkeit des Gestalt- und Formen-Sehens zu Nutze, um aus vorübergehenden dreidimensionalen Zufallserscheinungen und Scheinkonturen Gestalt und Struktur zu generieren.

Ausgangsmaterial des Projektes Mindmap sind real gefilmte und digital bearbeitete Wolkenformationen in unterschiedlichen Tonalitäten und Dichtestrukturen. Eine digitale Montage versprengter Luftpartikel, ein filmischer Rorschachtest, exakt ausgeleuchtet. Und es ist alles da: das Drängen und Wogen von Strömung und Luft, das Wuchern der Konturen und ihr steter Wandel.

Die Grundstruktur besteht aus einer Symmetrieachse in der Bildmitte. Vor schwarzem Bildhintergrund entstehen die Formationen immer symmetrisch sich zur Bildachse spiegelnd.

So erscheint langsam, wie in Zeitlupe, ein anwachsendes Wolkenmeer, das sich in Bewegung ständig verändert und damit immer neue Muster und Morphologien generiert.

Am Bildrand verschwinden die Wolken langsam aus dem Auge, während in der Bildmitte immer wieder neue Gebilde heranwachsen.

Sphärische Klänge untermalen die Atmosphäre mit elysischen Sounds, mit Chorälen und Wiener Walzer. Es sind digitale Töne, die gleichzeitig vor- und zurückgespielt werden, an- und abschwellende Bocksgesänge und ihr Echo, von Momenten der Stille abgelöst und zuweilen unterbrochen von Dissonanzen.

Diese Wolkenbilder erscheinen nicht nur flüchtig, anmutig und überwirklich, sondern auch chimärenhaft, gewaltig und monströs.

Denn durch die symmetrische Spiegelung in der Bildmitte werden Bilder animiert, die eben auch befremden und beunruhigen und mit der Phantasie des Betrachters ihr hintergründiges, ironisches Spiel treiben.

Die Mindmap bildet den virtuellen Rahmen, innerhalb dessen der Betrachter die Bedeutung selbst (er)schafft. Der Prozess des Sehens ist somit gleichzeitig ein Schöpferischer, ein Kreativer (Akt). Ein jeder liest hinein, was nicht zu fassen ist.

Und wenn man eben nur meint, Kreaturen zu erkennen:

Schafe mit Löwenköpfen, hohläugige Lurche und Embryonen; geflügelte und gehörnte Himmelsboten; Vagina oder Hirn in Nussschale. Komplementärbilder zitierten die architektonischen Silhouetten von Tempeln und Pagoden. Hamlets weißer Wal taucht auf und ab oder was (auch immer) Euch gefällt.

Denn was wir sehen, kann alles werden: ein vielstimmiger Chor der Himmelserscheinungen; eine Choreographie der Gestik vergessener Götter und unzählige Fächerungen von wattebleicher Gischt.

Um diesen Phänomenen auf den Grund zu gehen, hat Michael Krupp alles Unnötige aus dem Bild geschafft, zeigt die dramatisch inszenierte Bühne in hartem Licht: Es gibt keine Kulisse aus Landschaft oder Himmels-Blau. Bestrahlt von einer diffusen Lichtquelle, die man nicht sieht, bilden sich die Wolken in der Tiefe eines schwarzen Raumes, sozusagen aus der Tiefe des Nichts. Steht man lang genug davor, wird man hineingesogen in den schäumenden Wolkenraum, als sei die Grenze zwischen Kunst und Welt durchlässig geworden.

Mindmap zeigt eine Kunst, die ist, was sie ist; pure Gegenwart, aber immateriell und im nächsten Moment schon erloschen. Aber das Leuchten des aufscheinenden Augenblicks zieht uns an wie den Liebenden in Brechts Gedicht. Mindmap ist auch ein Experiment mit dem Sinn des Sehens und der Lust an der Verwandlung. Dafür steht diese Kunst, mal auf spielerische, mal ironische, mal auf zauberische Weise. Keine Mystik und auch keine Erleuchtung: nur ein grandioses Wogen, Wuchern und Wandeln in der ewigen Wiederkehr des Gleichen.

Helga Scholl, Künstlerische Leiterin Raum für Kunst Aachen